„How are you feeling?“ oder über Gefühle im Unterricht sprechen

Emotionen sind ein wichtiger Teil unseres Lebens, sind entscheidend für unser Wohlsein und haben zudem einen hohen Einfluss auf Lernerfolge, wie uns immer mehr in der aktuellen Krise deutlich wird. Als Gelingensbedingung fürs Lernen und allgemein für ein gesundes Leben sind positive Gefühle daher für die Schule ein Thema, über das wir mehr sprechen sollten und Hilfen anbieten könnten.

Während wir sonst möglichst wenig dem Zufall überlassen wollen und in der Schule als Lehrerinnen und Lehrer unseren Schülerinnen und Schülern beibringen wollen, Dinge systematisch anzugehen, so verlassen wir uns bei Gefühlen bereits im Präsenzunterricht vor allem auf unsere, meist zweifelhafte, Intuition1. Jetzt im Distanzunterricht fühlen wir Lehrerinnen und Lehrer uns daher vielleicht oft hilflos. Vor allem aus einem solchen Unbehagen und einer wachsenden Distanz suchte ich nach einem Weg, nicht nur die Vermittlung von Fachinhalten im Distanzunterricht zufriedenstellender zu gestalten, sondern auch meinen Schülerinnen und Schülern sozial-emotionale Lernangebote in dieser Situation zu bieten.

Marc Barcketts Moodmeter mit vier Quadranten, die sich aus der Selbsteinschätzung der eigenen Energie und des Wohlbefindens ergeben.

Moodmeter

Angefangen hat alles mit dem von Professor Marc Barckett am Yale Center for Emotional Intelligence entwickelten Moodmeter als grafischer Verortungshilfe für die Stimmung der Lernenden. Da man in Videokonferenzen wichtiger Sinneskanäle beraubt ist und auch einen Einstieg in das Thema erst irgendwie schaffen muss, hilft die Grafik zusammen mit einer schnellen Abfrage, um ein Stimmungsbild zu erhalten. Dieses sehe ich dann als Gelegenheit, um sich darüber kurz auszutauschen, wobei ich bemerkte, wie wenig die Lernenden und zum Teil auch ich selbst über Emtionen sagen konnten.

War die grafische Verortung in einem der vier Quadranten noch recht leicht, dann fällt es deutlich schwerer für diesen Gefühlszustand auch ein wirklich adäquates und in dem Moment zutreffendes Wort zu finden, denn oft fehlt uns das Vokabular bzw. wir sind es nicht gewöhnt, über unsere Emotionen zu sprechen. Barckett spricht deswegen auch von „Emotional Literacy“ und da inzwischen klar ist, dass Sprache unsere Wahrnehmung sowie unser Denken bestimmt2, halte ich es in Zeiten, dass wir auch unseren Blick in uns schärfen und üben. Stress, Depressionen und psychische Probleme entwickeln sich zu neuen Volkskrankheiten, aber wir behandeln unsere Gefühle als Unbekannte und sind nicht in der Lage darüber zu sprechen, bis es fast zu spät ist und dann auch bitte nur mit einem Profi? Ich halte dieses Bild für nicht mehr zeitgemäß und glaube, dass uns allen geholfen ist wenn wir uns genauer ausdrücken können und auch besser verstehen, wodurch unsere Emotionen stark beeinflusst werden. Daher probiere ich auch zunehmend kleine emotionale Hilfestellungen.

The Big 7 – Gefühlsregulierung

Barckett nennt sieben große Einflüsse auf die Regulation unserer Emotionen3:

  1. Physiologische Regulierung durch bewusstes Atmen
  2. Selbstfürsorge: Genug guten Schlaf bekommen, gesunde Ernährung zu sich nehmen, für ausreichend Bewegung sorgen, …
  3. Gesunde Beziehungen: Gehört werden und sich verbunden fühlen, Sicherheit erhalten.
  4. Lenkung der eigenen Gedanken: Dankbarkeit, positive Verstärkung, Mitgefühl, …
  5. Selbstführung: Routinen, tägliche Ziele und die Vermeidung von stressigen Situationen.
  6. Bedeutung: Dinge tun, die einem etwas bedeuten, wie z.B. Spiritualität, Hobbys, Unterhaltung, Naturerlebnisse.
  7. Versöhnlichkeit: Sich selbst die Erlaubnis geben, auch scheitern zu dürfen und wenn es passiert, dieses zu vergeben.

Zu vielen der Punkte kann ich gut anknüpfen, sei es aus dem Sport oder aus Fortbildungen. Insgesamt finde ich die sieben Punkte als gedankliches Modell oder Gerüst für Schülerinnen und Schüler spannend, um verschiedene Themen darin zu verorten und diese Liste durch Unterpunkte zu ergänzen. Interessant sind dabei auch die Rolle Sozialer Medien, die nach einer Studie von Psychologen der Fachhochschule Münster und der Ruhr-Universität Bochum auch als Mittel zur Gefühlsregulierung genutzt werden4.

Nur im Missverständnisse zu vermeiden, es geht mir dabei auf keinen Fall darum, psychische Erkrankungen irgendwie zu therapieren, sondern viel mehr leitet mich ein ganzheitlicher Präventionsgedanke. So wie Zähneputzen im Kindergarten und Sportunterricht ab der Schule bei uns selbstverständlich ist, so bin ich überzeugt, gehört auch ein gesunder Umgang mit Emotionen jungen Menschen vermittelt. Wie hoffentlich alle Jugendlichen wissen, dass Obst und Gemüse gesund für sie ist, sollten sie wissen, dass dauerhaft zu wenig Schlaf sich auf ihre Psyche auswirken kann oder dass sie ggf. eine Anspannung mit Atemtechnikern mildern können. Hat ihnen jedoch das nie jemand mal gesagt und haben sie nie verschiedene Strategien ausprobiert, um zu sehen, worauf sie individuell evtl. ansprechen, dann wissen sie es nicht. Auch könnten diejenigen, die mehr Unterstützung brauchen, so evtl. früher merken, dass sie sich professionelle Hilfe suchen sollten.

Im Kontext von Zeitgemäßer Bildung wird für mich an diesem Thema deutlich, dass es dabei nur zu einem Teil um Fragen der Veränderung durch die Digitalisierung unserer Lebenswelt geht. Es geht auch darum, dass sich die Erkenntnisse der Menschheit weiterentwickelt haben, was sich an den Universitäten schon seit längerem zeigt, was in der Schule jedoch noch durch einen jahrzehntealten, tradierten Fächerkanon sowie Zusatzaufgaben abgedeckt werden soll. Wichtiger noch ist, dass diese neuen Erkenntnisse von hoher Bedeutung für den verfassungsmäßigen Auftrag der Institution Schule sind, dem wir somit nur unzulänglicher als nötig gerecht werden.


Beitragsbild: Bild von Prawny auf Pixabay 

  1. vgl. Barckett, Marc (2019): Permission to Feel. New York
  2. vgl. dazu Lera Boroditsky: „How language shapes the way we think“ bei TED. Online unter: https://www.ted.com/talks/lera_boroditsky_how_language_shapes_the_way_we_think (November 2017)(Zugriff: 14.02.2021)
  3. vgl. auch Marc Brackett in einem Video des
    Yale Center for Emotional Intelligence: ‚The Big Seven’-Strategies for Healthy Emotion Regulation in Uncertain Times. Online unter https://www.youtube.com/watch?v=sYhQMR8FrKc (13.04.2020)(Zugriff 12.02.2021)
  4. vgl. Ozimek, P., Bierhoff, HW. & Hamm, K.M. How we use Facebook to achieve our goals: a priming study regarding emotion regulation, social comparison orientation, and unaccomplished goals. Curr Psychol (2020). https://doi.org/10.1007/s12144-020-00859-1

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