Digitalisierung an Schule

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Wovon reden wir eigentlich, wenn wir Digitalisierung von Schule in Zeiten von Corona bemängeln? Ich meine, unserer jahrelangen Duldung.

Wenn von Digitalisierung an Schulen in Zeiten von Corona die Rede ist, dann sind sich alle schnell einig: Eine Katastrophe. Ebenso schnell folgen Urteile und mein Favorit ist die Erkenntnis, dass „die Lehrer“ das doch hinbekommen müssten. Aber die haben ja nicht genug Fortbildungen, wird dann noch ein bisschen entschuldigend und etwas hämisch hinterhergeschoben. Aus diesem Grund hier mal ein kleiner Vergleich:

Schule ist wie Schuhgeschäft

Gehen Sie mal in ein Schuhgeschäft und erklären der auf Sie zukommenden, freundlichen 50-jährigen Verkäuferin, dass zwar alle verantwortlichen Führungsebenen über ihr seit Jahren kein erstzunehmendes Interesse an einem Onlineshop gezeigt haben, aber dass Sie doch jetzt mal bitte während des laufenden Ladenbetriebes, also nebenbei eine gute Onlineshop-Lösung nutzungstauglich startklar machen soll. Auf ihre Frage, wie sie das machen soll, erklären Sie ihr generäß, dass sie dafür sogar ihre private IT-Ausstattung nach vorher schriftlich beantragter Genehmigung nutzen darf. Funktionierendes WLAN gibt es allerdings nicht. Möglicherweise kann aber in ein paar Wochen ein Netzwerkkabel gelegt werden, wenn sie dazu vorher einen mehrseitigen Antrag stellt. Weiterhin müssen sie darauf hinweisen, dass für den qualifizierten technischen Support der Mutterkonzern zuständig ist und dass bevor dort entschieden werden kann, sie erst ein begründendes ausführliches Marketingkonzept für den Online-Shop als Entscheidungsgrundlage eingereicht muss. Selbst wenn der Shop übrigens technisch wundersamerweise funktionieren dann sollte, ist übrigens sehr fraglich ob, das juristisch überhaupt erlaubt werden kann und die für die nötige Klärung politische Auseinandersetzung ist trotz gebotener Dringlichkeit gerade nicht mal in Sicht. Zeitlich verlässliche Planungsgrundlagen kann man ihr auch nicht geben, aber wenn morgen der Schuhladen zugemacht werden muss, dann ist die Erwartung klar, dass der Online-Shop als Ersatzlösung bitte sofort gut funktionieren sollte und alle technischen sowie juristischen Fragen darum geklärt sind.

Nicht überraschend aufgrund Duldung

Wie viel Vertrauen haben Sie jetzt darin, dass sie im Ernstfall ein gutes Online-Shopping-Erlebnis bei Schuhe-Kauf dort haben werden? Tja, ‚you get, what you pay for‘ oder vielmehr sollten wir uns nicht über das Ergebnis wundern, wenn wir als Bürgerinnen und Bürger des reichsten europäischen Landes seit Jahrzehnten das Thema Bildung vernachlässigen bzw. tolerieren, dass es vernachlässigt wird. Aufmerksamkeit ist die steuernde Währung in der Politik und wie oft haben wir bei den bekannten Problemen im Bereich Bildung weggeschaut: Zu wenig Erzieherinnen und Erzieher für die Kindergärten, zu wenig Lehrerinnen und Lehrer in den MINT-Fächern, sowie schlimmer noch Studierende dafür, Mangel an Sekundarschulen, immer mehr Möglichkeiten das Abitur zu machen und gleichzeitig immer mehr Studienabbrecher, Förderkurse an Universitäten, obwohl das das teuerste Ende zum Nachbessern ist, bauliche Mängel, Bildungsungerechtigkeit, … Digitalisierung war und ist da nur ein Thema von vielen.

Da dabei die Verantwortung schön zwischen den unterichtenden Lehrerinnen und Lehrer, den Schulen, den Trägern, den Landesregierungen und -parlamenten sowie auch der Bundesregierung verteilt ist, braucht man auf keine schnelle Lösung hoffen, selbst wenn alle wollten. Jeder braucht schließlich seine Daseinsberechtigung und will ja auch seine Arbeit gut machen, so dass deutsche Verwaltung jeden schnelle Digitalisierung schon bei so vielen Beteiligten im Kern unmöglich macht. Wir sind aber diejenigen, die das alles so seit Jahrzehnten erlauben, also ist es jetzt nicht heuchlerisch, darüber schockiert zu sein? Wer Digitalisierung und zeitgemäße Bildung als wichtigste Vorausetzung für eine erfolgreiche Wissensgesellschaft von morgen will, den muss es interessieren und der oder die darf nicht vor den bekannen Mängeln die Augen verschließen.


Beitragsbild: Detmold auf Pixabay

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