OER-PolBil-Konzept: Vom geehrten Frontkämpfer zum NS-Opfer

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Rechtsextremismus vorbeugen und sich entgegenstellen, das gelingt hoffentlich mit einem Veranstaltungskonzept für die politischen Bildung von Soldatinnen und Soldaten über das Schicksal einer soldatischen Identifikationsfigur in einem Konzentrationslager.

Nach Medienberichten über Extremisten in den Streitkräfte zweifelte ich, ob meine Wahrnehmung mich täuscht oder warum ich eher einen gegenteiligten Eindruck von den Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr hatte, da ich diese vorrangig sehr demokratisch orientiert wahrnehme. Ich entschied, dass es egal ist, denn als militärischer Führer ist es in meiner Verantwortung, gute, präventiv aufklärende politische Bildung (PolBil) sicherzustellen. Für die Soldatinnen und Soldaten möchte ich daher eine PolBil konzipieren, um dem Einfluss rechtsradikaler oder rechtsextremer Propaganda entegenzuwirken. Denn nur weil ich solches Gedankengut meine nicht wahrzunehmen, kann ich nicht ausschließen, dass es es gibt, also leiste ich meinen Beitrag dagegen.

Ich fragte Kameraden nach guten Beispiele von Veranstaltungen der Politischen Bildung, um aufbauend auf den Antworten eine Konzept für eine eigene PolBil-Veranstaltung zu erstellen, idealerweise als Open Educational Resource (OER). Folgend dokumentiere ich den Verlaufs dieses Projektes in Kürze:

Erste Planung

Das PolBil-Konzept für Soldatinnen und Soldaten soll frei verfügbar sein und etwa folgender Leitlinie mit drei Abschnitten folgen:

  • Vorbereitung: Einstieg über eine persönliche Geschichte anhand einer historischen Figur: Portrait eines ehemaligen Soldaten des 1. WK (oder vielleicht auch 2. WK?) mit den Stationen seines Lebens: Jugend, Nationalismus, 1. Weltkrieg, Revolution und Nachkriegsjahre, Weimarer Republik, Machtergreifung, NS-Propaganda, Wegschauen des Bürgertums, Frontkämpferstatus, Opfer im eigenen Land, Reichsprogromnacht, Vertrauensverlust, Schicksal im KZ, (Familie?), …
  • Besuch eines Konzentrationslagers (Neuengamme, Bergen-Belsen, Dora-Mittelbau, Buchenwald, …)(idealerweise des Lagers, wo auch die historische Figur aus der Vorbereitung war, um dort seinen Spuren zu folgen)
  • Nachbereitung: Blick auf den Zeitstrahl der persönliche Geschichte der historischen Figur, allgemeine Dimensionen des Holocausts (Dimension, Logistik, Bürokratie), Reflexionsfrage: Wäre so etwas heute noch möglich? Wäret den Anfängen (propagandistische Rhetorik heute), ….

Recherche: Zu dem Thema ist leider wenig publiziert. Es gibt Sekundärliteratur dazu von Michael Berger, dem ehemaligen Vorsitzenden des Bundes Jüdischer Soldaten (RjF), mit dem Titel Für Kaiser, Reich und Vaterland. Jüdische Soldaten. Eine Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute. Das Buch ist interessant, aber hilft nicht bei meiner Suche nach einem konkreten persönlichem Schicksal, an dem man auch das enttäusche Vertrauen in den Anstand der Mitmenschen und die deutsche Gesellschaft, für die der Soldat an der Front gekämpft hatte, veranschaulichen kann. Aus dem Amtsdeutsch nationalsozialistischer Erlasse und Maßnahmen kann man schlecht Emotionen entwickeln und aufzeigen, wie das System aus Propaganda, Wegschauen und Angst funktionierte. Interessant ist die Dokumentation einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung: Jüdische Soldaten in Deutschen Armeen1. Beim Deutschlandfunk finde ich den treffenden Artikel „Hochdekoriert, dann deportiert2 von Gerald Beyrodt über jüdische Soldaten im ersten Weltkrieg. Der schwierigste Punkt scheint zu sein, dass man eine geeignete und ausreichend dokumentierte historische Person findet, anhand deren Schicksal dies möglich ist.

Erste Fortsetzung

Mit Unterstützung auf Twitter komme ich auf eine kleine Liste von Personen, die es nun näher zu prüfen gilt:

Zweite Fortsetzung

Eine sehr hilfsbereite Antwort auf meine Anfrage bei den Arolsen Archives bringt neue Impulse:

  • Vier neue Namen, von Veteranen des Ersten Weltkriegs, die von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Buchenwald geschickt wurden:
    • Friedrich Müller, 1898 in Graudenz geboren, Landgerichtsrat, aus politischen Gründen.
    • Kurt Voigt, 1895 in Burkersdorf geboren, wegen seines Glaubens – er war Zeuge Jehovas.
    • Rudolf Herrmann, 1899 in Großbreitenbach geboren, wegen seiner politischen Haltung.
    • Wilhelm Brauner, 1896 in Kattowitz geboren, als sogenannter „ASR“ (=Arbeitsscheu Reich).
  • Die Dokumente in den Archiven zu den Schicksalen kann online aufrufen: https://collections.arolsen-archives.org/search/
  • Sehr interessant ist auch der Hinweis auf das Projekt documentED (abgeleitet aus documents und Education) für Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Klassen, wo mit den Dokumenten des Archivs ein KZ-Besuch vorbereitet werden kann.

Die Arbeit geht weiter. To be continued …


Beitragsbild: Konzentrationslager Dachau bei Pxhere.com. URL: https://pxhere.com/en/photo/1055956 (09.03.2017)(Zugriff 21.01.2021)

  1. Kleine-Kraneburg, Andreas (2008): Jüdische Soldaten in Deutschen Armeen. Dokumentation der gleichnamigen Tagung in Zusammenarbeit mit dem Bund Jüdischer Soldaten (RJF) und dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Online unter: https://www.kas.de/documents/252038/253252/7_dokument_dok_pdf_13476_1.pdf/d6ce037e-05ec-38d0-5648-cd20c95bbdb7?version=1.0&t=1539663530954 (Zugriff 20.01.2021)
  2. Beyrodt, Gerald: Hochdekoriert, dann deportiert.
    Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg. Online unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/hochdekoriert-dann-deportiert.984.de.html?dram:article_id=153473 (24.06.2009)(Zugriff 20.01.2021)

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